„Victoria“ – ein würdiger Nachfolger für „Downton Abbey“?

Victoria Cover 1

Nachdem „Downton Abbey“ beendet ist, läuft auf dem alten Sendeplatz bei ITV nun „Victoria“ mit Jenna Colemann in der Hauptrolle. Als großer Fan von historischer Serien – insbesondere solcher, die in Großbritannien spielen – bin ich immer auf der Suche nach neuen Verfilmungen. Dementsprechend war ich sehr neugierig, wie diese Serie ist.

Der Inhalt?

Wenig überraschend dreht sich die Handlung von „Victoria“ um die namensgebende Königin Victoria, welche fast das ganze 19. Jahrhundert lang britische Monarchin war und dadurch dafür sorgte, dass die Zeit auch als viktorianisches Zeitalter bekannt ist.

Die Handlung der ersten Staffel setzt an den Tag ein, wo Victoria zur Königin wird und endet mit der Geburt ihres ersten Kindes. Somit erlebt der Zuschauer unter anderem mit, wie Victoria mit ihren Ehemann Albert zusammenkommt.

Victoria Cover 2Die Hauptfigur?

Victoria war, nicht zuletzt aufgrund ihrer Darstellung durch Jenna Colemann, sehr hübsch anzusehen. Das ist aber auch das Einzige, was positiv hervorstach. Was mir – vor allem im Vergleich zu „The Crown“ (eine Netflix-Serie zu Königin Elizabeth II, die ich sehr empfehle) –unangenehm auffiel, war die Tatsache, dass Victoria häufig wie ein kleines Kind wirkte, dass sich um politische Implikationen nicht schert. Während Elizabeth sich offen für Argumente zeigt, scheint Victoria das Politische weder zu verstehen noch lernen zu wollen. Dass sie bestimmte Änderungen nicht will, ist verständlich, aber es fehlt die Einsicht, dass ihr Leben nicht privat ist.

Außerdem ist ständig Lord Melbourne um sie herum, und wenn er mal nicht da ist, fragt sie ungeduldig, wo er denn bleibe. Überhaupt fand ich es sehr irritierend, dass Victoria ihn Lord M. abkürzt. Nun kann ich nicht beurteilen, wie historisch akkurat ihr Verhältnis dargestellt wird. Aber zusammen mit ihrer Sturrköpfigkeit lässt es ihre Fähigkeiten als Regentin in keinem guten Licht dastehen.

Leider konnte ich bis zum Ende der ersten Staffel kaum ein Heranreifen ihres Charakters feststellen. Sondern lediglich ein Wechsel der Personen, die sie am stärksten beeinflussen.

Victoria Cover 3

Die anderen Charaktere?

Damit sich die Serie nicht komplett nur um Victoria dreht, gibt es auch einige Downstairs-Charaktere. Diese fügen sich aber nicht wirklich organisch in die Serie ein, sondern wirken mehr wie Auffüller von Sendezeit. Da gibt es zum Beispiel eine junge Frau mit mysteriöser Vergangenheit. Die Auflösung wird sehr gestreckt und ist auch nicht besonders raffiniert. Auch einige Mitglieder des Hofstaates bekommen etwas Aufmerksamkeit. Sympathisch sind diese dabei eher weniger, geht es doch häufig darum, wie sich jeder auf Kosten des Hofes bereichert. Die Nebenfiguren sind nur insofern hilfreich, dass man über sie erfährt, was im einfachen Volk vor sich geht und was sie über aktuelle Entwicklungen denken.

Was ich persönlich aber am gravierendsten einstufe, ist die Tatsache, dass die doch recht wenigen Nebenfiguren alle möglichen Aufgaben übernehmen. Dadurch wirkt das Personal in „Victoria“ wesentlich kleiner als bei „Downton Abbey“ – und das am Hof der Königin! Natürlich musste das Personal früher flexibel einsetzbar sein. Aber als Beispiel der Konditormeister gleichzeitig als normaler Koch, das halte ich doch für eher unwahrscheinlich. Vermutlich hatte der Hof von Victoria zur damaligen Zeit ein Dutzend Köche, jeder mit einem speziellen Aufgabengebiet und natürlich eigenen Gehilfen. Einem königlichen Haushalt gehörten etwa 1.000 Personen an, aber in der Serie wirkt es so, als müsste Königin Victoria mit grad mal 20 Personen auskommen. Ich verstehe natürlich, dass zwecks persönlicher Bindung der Fokus auf einige wenige Personen gelegt wurde, aber so wirkt es für mich einfach nur schlecht umgesetzt.

Empfehlung?

Insgesamt lässt sich die Serie zwar ganz gut weggucken, aber so, wie Victoria angelegt ist, ist sie zu schwach, die ganze Serie überzeugend zu tragen. Und below stairs zieht die Qualität der Serie eher runter, als der Story mehr Pep zu verleihen.

Daher für mich eine Serie, die sich zwar ganz nett anschauen lässt, aber weder besonders fesselt noch einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Da gibt es andere Filme und Serien zu Victoria, die mich mehr überzeugt haben.

Und die DVD-Box?

Kritik muss ich an dieser Stelle auch an der DVD-Box äußern: Ich finde es sehr enttäuschend, dass es keinerlei Untertitel gibt. Im Jahr 2017 erwarte ich bei einer neu produzierten Serie Untertitel! Außerdem finde ich den Ton eher mäßig. Auch die Box ist eher schlecht verarbeitet, so habe ich im Rücken direkt einen gewaltigen Knick gehabt. Für das Geld eine mehr als bescheidene Angelegenheit.

7 Kommentare

  1. Hi Sandra,
    ich habe mir „Victoria“ inzwischen auch angeschaut, vor allem, weil ich Jenna Coleman in Doctor Who sehr mochte. Ich kann dir nur voll und ganz zustimmen. Die Serie ist leider nur ein verkitschtes Kostümdrama. Ich bin jetzt bei Folge 3 von Staffel 2, weiß aber noch nicht, ob ich die zweite Staffel beenden werde.
    Lächerlich finde ich: wie Victoria durchweg als bockiges Kind dargestellt wird. Wie die ganze Inszenierung nur eine bezuckerte Version des 19. Jahrhunderts darstellt (Verarmung des Proletariats? Kritik am Königshaus? Fehlanzeige). Der gekünstelte Konflikt zwischen Victoria und Albert: Er will unfassbar gern König sein, sie stürmt trotzig aus dem Zimmer: „Du bist wohl der Meinung, ich gehöre nur ins Kinderzimmer!“ Die absolut verkitschte Darstellung des Militärs und der Kolonialbestrebungen von England.
    Es ist ziemlich traurig und ziemlich zum Lachen gleichzeitig. Dabei hätte man echt was Gutes daraus machen können.
    Dass Victoria gefühlt nur 20 Diener hat: Du hast völlig Recht! ich dacht die ganze Zeit, da ist was komisch, jetzt fällt es mir auch auf!
    Außerdem: Warum spricht Albert nach mindestens einem Jahr in England immer noch mit so einem brachialen deutschen Akzent? Dass sie einen Briten gecastet haben, der ab und zu mit größten Schwierigkeiten zwei deutsche Worte rauswürgt, davon ganz zu schweigen.
    So, den Rant musste ich kurz loswerden 🙂
    LG, Sabine

    • Hi Sabine,

      ja, da ist leider so viel verschenktes Potenzial. Victoria ist wirklich sehr enttäuschend bis jetzt, da sie einfach nur unreif wirkt (wobei dies zum Teil verständlich ist).

      Und von der Lage im Land erfahren wir ja auch herzlich wenig, außer dass wir eben diese eine Figur nach draußen begleiten. Vielleicht ein Budgetproblem?

      Wie auch immer, ich will noch in die zweite Staffel reinlinsen, hege aber keinen allzu hohen Erwartungen mehr?

      Falls du gute Tipps zu Serien in dieser Richtung hast, gern her damit 😉

      LG Elena

  2. Ja, es scheint wirklich am Budget gemangelt zu haben! Aber auch am Drehbuch, wenn du mich fragst 😉
    Wie gesagt, bin bei der zweiten Staffel auch noch nicht weit, finde aber die Konflikte bisher ziemlich aufgesetzt. So als nette Ablenkung wenn man krank ist taugt es sicher (so hab ich auch die erste Staffel geschaut).
    Ich bin ja großer Fan von vielen BBC-Literaturverfilmungen, zb „Jane Eyre“ mit Ruth Wilson, „Little Dorrit“ mit Claire Foy (ja, genau, die aus The Crown) oder „North and South“ mit Richard Armitage (der war mit 17 mein Crush, haha). Alles Mini-Serien.
    LG, Sabine

    • Ja, die Dialoge etc. liegen wahrscheinlich vor allem am nicht so herausragenden Drehbuch …

      Oh, „North & South“! Das war echt ein toller Vierteiler. Wollte mir sogar die DVDs holen, aber die waren zu den Zeitpunkt so teuer. Stattdessen habe ich mir dann „Cranford“ geholen, das fand ich auch toll, wenn nicht überragend. „Little Dorrit“ ist in meiner Charles-Dickens-Box, sollte ich mir dann mal anschauen 🙂

      LG Elena

  3. Hallo 🙂
    Als Anglistikstudentin und riesiger The Crown und Downton Abbey Fan habe ich mit Victoria schon mehrmals geliebäugelt. Schade zu hören, dass es den beiden Serien nicht wirklich das Wasser reichen kann.
    Hast du dir die Serie denn auf Deutsch oder auf Englisch angeschaut?

    Liebe Grüße,
    Smarty

    • Huhu Smarty,

      hui, Anglistik 🙂 Da hatte ich viele von denen im meinem Studiengang Medienwissenschaft damals (war ein Zwei-Fach-Bachelor).

      Ich schaue praktisch immer auf Englisch mit englischen Untertitel, da der Originalton meist viel besser als die Synchronisation ist und ich fast nur noch anglo-amerikanische Serien schaue. Aber ich bin mir jetzt gar nicht mehr so sicher, was ich aufgrund des fehlenden Untertitels gemacht habe. Ich glaube, ich habe die meiste Zeit auf Englisch geschaut …

      Für dich vielleicht interessant: „The Gilded Age“, eine neue Serie von Julian Fellowes, startet 2019 auf NBC. In diese Serie setze ich große Hoffnungen, stammt sie schließlich vom Schöpfer von „Downton Abbey“ 🙂

      Liebe Grüße
      Elena

      • Huhu 🙂
        Genau genommen sogar Englisch und Deutsch auf Lehramt xD

        Find ich gut 🙂 ich schau auch alles auf Englisch, allerdings ohne Untertitel (die lenken mich immer so ab xD). Und ja, leider sind deutsche Synchronisationen oftmals sehr schwach :/

        Uh, danke für den Tipp 🙂 wenns um Julian Fellowes geht, kann ich übrigens Belgravia empfehlen! Hat er geschrieben und fand ich persönlich echt gelungen 🙂

        Alles Liebe,
        Smarty

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