„Upright Women Wanted“ von Sarah Gailey

Foto 1 vom Buch "Upright Women Wanted"

Laut Vermarktung erfindet die preisgekrönte Autorin Sarah Gailey in „Upright Women Wanted“ den Pulp-Western mit einer explizit antifaschistischen, fast schon zukunftsweisenden Geschichte der queeren Identität neu. Ich fand das auf jeden Fall einen spannenden Genre-Mix, welchen ich noch nicht tausend Mal gelesen habe. In meiner Rezension erfahrt Ihr, ob das Buch seine Versprechungen halten konnte.

Mehr Informationen zum Buch
Autorin: Sarah Gailey
Originaltitel: „Upright Women Wanted“
Deutsche Übersetzung: Noch nicht angekündigt
Serie: Stand Alone
Seitenzahl: 176 Seiten
Verlag: Tor.com
Veröffentlichungsdatum: 4. Februar 2020

„That girl’s got more wrong notions than a barn owl’s got mean looks.“

Esther is a stowaway. She’s hidden herself away in the Librarian’s book wagon in an attempt to escape the marriage her father has arranged for her–a marriage to the man who was previously engaged to her best friend. Her best friend who she was in love with. Her best friend who was just executed for possession of resistance propaganda.

The future American Southwest is full of bandits, fascists, and queer librarian spies on horseback trying to do the right thing. They’ll bring the fight to you.

Inhalt

Esther ist eine blinde Passagierin. Sie hat sich im Bücherwagen der Bibliothekarinnen versteckt, um der Ehe zu entgehen, die ihr Vater für sie arrangiert hat – einer Ehe mit dem Mann, der zuvor mit ihrer besten Freundin verlobt war. Ihre beste Freundin, in die sie verliebt war. Ihre beste Freundin, die gerade wegen des Besitzes von Widerstandspropaganda hingerichtet wurde.

Bei den als keusche, moralisch aufrechten bekannten Frauen hofft Esther, ihre falschen Gefühle loszuwerden. Doch in der Gesellschaft von lesbischen Revolverhelden-Bibliothekaren erkennt Esther bald, wie unglaublich naiv sie gewesen ist und dass die Welt viel mehr bereit hält, als sie für möglich hielt. In Gefechten mit Banditen und anderen riskanten Situationen wächst Esther bald über sich hinaus.

Foto 2 vom Buch "Upright Women Wanted"

Meinung

Vom Verlag gab es einige vollmundige Versprechungen, was „Upright Women Wanted“ alles umfassen soll, und ich war sehr neugierig, ob sich das wirklich in einer Novelle alles zufriedenstellend abhandeln lässt. Um es vorweg zu sagen: Einige Punkte wurden sehr gut behandelt, andere nur gestreift.

„Everywhere,” Esther whispered to herself. “There are people like us everywhere.“

Positiv empfunden habe ich auf jeden Fall die diverse Hauptbesetzung, die unter anderem einen Enby umfasst. Dies normalisiert queere Beziehungen in der Geschichte nicht nur für Esther, sondern auch für Leser*innen ungemein. Etwas negativ empfand ich hingegen, dass es keine einzige positive Männer-Figur gibt und somit eine Dichotomie erzeugt wird. Allerdings ist eine Novelle nun auch mal ziemlich kurz und die vorhandenen Figuren wurden aus meiner Sicht gut ausgearbeitet. Ich mochte es, wie nach und nach Details zum Aussehen einflossen und generell die Charaktere immer mehr Facetten bekamen.

Das Western-Setting ist sehr gut eingebunden: Esther lebt im Süden einer post-apokalyptischen USA, in der in der Folge eines Krieges aufgrund von Mangel an Treibstoff und gut befahrbaren Wegen wieder Pferde als Transportmittel gang und gäbe sind. Das Umgangsklima ist rau, die Lebensbedingungen hart, insbesondere die Wüste ist lebensfeindlich. Für mich kam auf jeden Fall beim Lesen der typische Flair eines Western mit seinen abgeschiedenen Siedlungen auf und ich konnte mir gut die Hitze und Unbarmherzigkeit des dortigen Klimas vorstellen. Dementsprechend passt die Gemeinschaft der Bibliothekar*innen wunderbar in die Handlung und ihr Zusammenhalt ist umso mächtiger.

„[…] a sharp edge on the words. It was a tone Esther recognized. The kind of dangerous that would have been hard to notice if she hadn’t heard it a hundred times before. It was the danger of assumed authority.“

Ob ich beim Buch allerdings an antifaschistisch dächte, hätte ich die Beschreibung nicht gelesen, weiß ich nicht. Wenn ich die Definitionen des Begriffs Faschismus nachschlage, lese ich „nach dem Führerprinzip organisierte, nationalistische, antidemokratische, rechtsradikale Bewegung, Ideologie“. Hierfür fehlt mir dann in der beschriebenen Gesellschaft der Führer und der Rechtsradikalismus. Zudem, wenn ich mir die Organisation der Bibliothekarinnen und einige ihrer Mitglieder betrachte, sehe ich da durchaus auch einige Merkmale der oben genannten Definition erfüllt. Das lädt allerdings auch wiederum zum Nachdenken ein und ist daher nicht unbedingt nachteilig für die Geschichte.

Abschließend möchte ich noch auf die Protagonistin Esther eingehen. Leider muss ich sagen, dass sie sich als recht typische YA-Dystopie-Teenagerin entpuppt, die sich vor allem durch ihre riesige Naivität auszeichnet und sich trotz des kürzlichen Tod ihrer Freundin überaus rasch in eine andere Person verliebt. Grad zu Beginn der Handlung konnte ich Esthers Gedankengänge größtenteils leider gar nicht ernst nehmen, stattdessen las ich diese mit großer Erheiterung. Mit Fortschreiten der Geschichten werden sie vernünftiger und ich konnte ihre Gefühle und Überlegungen ernster nehmen, auch wenn das Tempo weiterhin nicht immer ganz stimmte. Insofern entpuppte sich die Hauptfigur als größte Schwachstelle der Geschichte.

„Keep fighting. It will be hard, and it will be awful, and it will be worth it. Don’t give up, even when it feels like dying. Don’t give up. This is only the beginning.“

Zusammengefasst sehe ich das Buch daher als tollen queeren Western an, der bis auf die Protagonistin erfrischend vom übrigen Dystopie-Geschichten abweicht. Außerdem ist „Upright Women Wanted“ trotz der Kürze erstaunlich gut abgeschlossen. Daher bin ich mehr als willens, weitere Geschichten von Sarah Gailey zu lesen. Übrigens hat das Hardcover einen Rough Cut und ich finde, das passt hervorragend zum Buch!

Foto 3 vom Buch "Upright Women Wanted"

Empfehlung?

Wer gern eine Geschichte mit ganz vielen queeren Figuren inklusive lesbischer Protagonistin lesen möchte, die ohne Fetischisierung und Tropes auskommt, ist bei „Upright Women Wanted“ genau richtig! In diesem Kontext könnte sich die größte Schwäche des Buches, nämlich die ansonsten recht typische YA-Dystopie-Heldin, sogar als Stärke erweisen. Auch sonst lohnt sich die Novelle für alle, die einen post-apokalyptischen Western mit einer starken Frauengemeinschaft lesen möchten.

In einem Satz

„Upright Women Wanted“ ist ein erfrischender post-apokalyptischer Western mit vielen queeren Figuren und einer starken Gemeinschaft.

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