„Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury

Foto vom Buch "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury, Variante 3

In der Aufzählung dystopischer Klassiker fehlt das Buch nie, oftmals belegt es sogar den ersten Platz. In der darin beschriebenen negativen Zukunftsvision sind Feuerwehrleute nicht mehr zum Brände löschen da – sondern dafür zuständig, Bücher zu verbrennen. Die Rede ist von „Fahrenheit 451“, geschrieben von Ray Bradbury vor fast 70 Jahren. Es stellt sich die Frage: Hat dieses Buch uns heute noch etwas zu mitgeben?

Mehr Informationen zum Buch
Autor: Ray Bradbury
Originaltitel: „Fahrenheit 451“
Deutsche Übersetzung: „Fahrenheit 451“
Serie: Stand Alone
Seitenzahl: 227 Seiten
Verlag: HarperVoyager
Veröffentlichungsdatum: 4. August 2008 (Erstveröffentlichung Oktober 1953)

THE TERRIFYING PROPHETIC NOVEL OF A POST-LITERATURE FUTURE…

Guy Montag is a fireman. His job is to destroy the most illegal of commodities, the source of all discord and unhappiness: the printed book.

Montag never questions the destruction or his own bland life, until he is shown a past where people didn’t live in fear and a present where one sees the world through ideas.

Montag starts hiding books in his home. Soon they’ll make him run for his life.

Inhalt

Guy Montag ist ein Feuerwehrmann. Sein Job ist es, die illegalste aller Waren zu zerstören, die Quelle allen Unfriedens und Unglücks: das gedruckte Buch. Montag stellt die Zerstörung und sein eigenes fades Leben nie in Frage. Bis er eines Abends eine junge Frau trifft, welche sein Leben für immer verändert.

Denn sie bringt Montag zum Nachdenken. Fatal in einer Welt, wo die Gesellschaft alles dran setzt, dass keine Zeit zum Reflektieren der gegenwärtigen Situation bleibt. Denn Montag kann nicht verbergen, dass er die staatliche Doktrin beginnt in Frage stellt. Und so wird er zum Gejagten …

Foto vom Buch "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury, Variante 2

Meinung

„We need not to be let alone. We need to be really bothered once in a while. How long is it since you were really bothered? About something important, about something real?“

Oft ist zu lesen, dass das Buch als Kritik am Fernsehen zu verstehen ist. Aber ich deute es viel mehr als Kritik an Massenmedien überhaupt: Die dauerhafte Beschallung in verschiedensten Formen, der sich kaum entzogen werden kann, wird in der Geschichte immer wieder thematisiert. Zudem wird eine Verflachung der Gefühle angesprochen: Bücher sind – anscheinend von der Gesellschaft befürwortet – verboten, weil sie negative Emotionen durch abweichende Meinungen und in der Folge Dissens auslösen können. Sicherlich nicht von Ray Bradbury so intendiert (wie sollte der das auch zu den Zeitpunkt voraussehen können), hat mich das doch über die Bubble-Bildung in den sozialen Medien nachdenken lassen, wo sich von anderen Meinungen abgeschottet wird. Die Geschichte macht zudem deutlich, dass all dieses oberflächliche und nahezu unentrinnliche Rauschen der verschiedenen Medien dazu dient, die Menschen davon abzuhalten, über irgendetwas intensiver nachzudenken.

„There must be something in books, something we can’t imagine, to make a woman stay in a burning house; there must be something there. You don’t stay for nothing.“

Was mich zudem immer wieder auf Neue faszinierte, ist die Tatsache, dass dieses Buch aus den frühen Fünfzigerjahren stammt. Denn die darin beschriebene Technik ist hoch aktuell: Einiges gibt es erst seit recht kurzer Zeit, manches wird in naher Zukunft wohl Standard werden. Wie futuristisch müssen zum Beispiel die „Muscheln“, kleine Im-Ohr-Radios, auf damalige Leser*innen gewirkt haben? Und diese die ganze Wände einnehmenden Bildschirme werden sich vermutlich nur deshalb nie durchsetzen, weil VR-Brillen eine ganze Ecke günstiger sind. Es ist jedenfalls für mich wenig verwunderlich, dass die Gesellschaft in „Fahrenheit 451“ sich von Büchern entfremdet hat.

„If you don’t want a man unhappy politically, don’t give him two sides to a question to worry him; give him one. Better yet, give him none. Let him forget there is such a thing as war. If the government is inefficient, top-heavy, and tax-mad, better it be all those than that people worry over it. Peace, Montag.“

Leider konnte der Stil nicht so ganz mithalten, das Lesen des Buches empfand ich als höchst wechselhaft. In manchen Passagen lag zwischen mir und Guy Montag vom Erleben her ein ganzer Ozean; insbesondere, wenn er über irgendwas nachdachte, verlor mich die Geschichte häufig. Denn Ray Bradbury verfiel bei den Gedankengängen seines Protagonisten oftmals in endlose Metaphern und schwurbelige Beschreibungen – während ich mich mir wünschte, dass er straff weitererzählen möge. Stark war die Geschichte für mich vor allem bei den Dialogen, wenn Guy Montag mit Clarisse McClellan, Professor Faber oder auch Kapitän Beatty spricht. Diese Austäusche erreichten für mich eine ungewohnte Intensivität, machten mich nachdenklich, ließen mich innehalten.

Insgesamt ist „Fahrenheit 451“ daher für mich zu Recht ein bis heute viel beachteter Klassiker, auch wenn es deutliche Schwächen hat. Das Vorwort kann ich übrigens zumindest in meiner Ausgabe nur empfehlen zu lesen, da es viele Details zum Entstehungsprozess verrät und auch einige andere interessante Einblicke in den Schaffensprozess und die spätere Auseinandersetzung des Autors mit dem Buch erlaubt.

Foto vom Buch "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury, Variante 1

Empfehlung?

Wenn es um Klassiker aus dem Genre der Dystopie geht, kommt eine Leser*in kaum an „Fahrenheit 451“ vorbei und das ist aus meiner Sicht gerechtfertigt. Denn Ray Bradbury hat eine Geschichte geschrieben, die fast 70 Jahre später noch aktuell ist und jede Menge Denkanstöße liefert. Das lässt dann auch über manche nicht ganz so gelungene Abschnitte hinweglesen. Für eine weibliche Perspektive empfehle ich jedoch „The Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood, da die Frauen in Bradburys Dystopie ziemlich eindimensional bleiben.

In einem Satz

„Fahrenheit 451“ hat seinen Rang als dystopischer Klassiker verdient, denn die Geschichte regt trotz ihres Alters immer noch zum intensiven Nachdenken an und lässt so über stilistische Schwächen hinwegsehen.

2 Kommentare

  1. Hallo Elena,

    danke für die differenzierte Besprechung. Leider habe ich „Fahrenheit 451“ noch nie gelesen, es mir aber vor Jahren vorgenommen. Inzwischen habe ich schon öfters Stimmen wie deine gehört, sodass ich inzwischen nicht mehr mit allzu hohen Erwartungen an die Lektüre herangehe.

    Von Bradbury hatte ich bislang auch nur verschiedene Kurzgeschichten gelesen, aber da ging es mir wie dir mit seinem berühmtesten Buch: Manche Geschichten fand ich grandios, sehr clever und spannend erzählt, andere fand ich zu oberflächlich, langweilig, langatmig oder nichtssagend.

    Liebe Grüße
    Kathrin

    • Hallo Kathrin,

      danke für deinen Kommentar. Ich nehme mir schon ewig vor, mehr Klassiker zu lesen und dann schaffe ich doch nur eins, zwei im Jahr. Befindest dich daher in guter Gesellschaft.

      Andere Werke habe ich von ihm bisher noch nicht gelesen und offen gestanden auch gar nicht vor. Dazu wirkt er mir dann doch zu sehr alter, weißer Mann.

      Liebe Grüße
      Elena

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Mit dem Absenden des Kommentars stimmst du der Speicherung deiner Daten auf gedankenfunken.de zu. Mehr Informationen finden sich in der Datenschutzerklärung. Erforderliche Felder sind mit * markiert.