Fremdgeträumt #4

Willkommen zur Mai-Ausgabe von Fremdgeträumt! In den letzten Wochen habe ich einmal mehr viele interessante Beiträge gelesen, die ich gern mit Euch teilen möchte. Dieses Mal hat sich ein feministischer Schwerpunkt heraus kristallisiert, aber es gibt auch viele andere Themen. Hier kommt nun eine Auswahl in meinen Augen besonders gelungener Beiträge. Völlig unsortiert, quer durch die verschiedenen Themengebiete. Und ohne Erwartung einer Gegenleistung.

Ich bin ein großer Fan von Büchern, die LBQT-Protagonisten haben, da diese immer noch deutlich unterrepräsentiert sind. Dennoch ist nicht jedes Buch mit solchen gelungen. Schade finde ich das insbesondere beim neuen Buch der Autorin von „Love, Simon“ (auf Deutsch „Nur drei Worte). Marianne schreibt in ihrer englischsprachigen Rezension zu „Leah on the Offbeat“ von Becky Albertalli darüber, warum sie die Geschichte sehr schmerzhaft empfand und ich kann ihre Begründung sehr gut nachvollziehen. Jemanden zum Weinen bringen bei seinem Coming-Out ist nicht okay, auch oder grad wenn die Protagonistin selbst bi ist! Auch die anderen Punkte empfinde ich nicht sehr romantisch.

Etwas verwundert hat mich auch, dass so vielen bei dem doch sehr gehypten „The Gentleman’s Guide to Vice and Virtue“ nicht die Kritikpunkte hatten, die Stopfi anbringt. In ihrer Rezension zu „Cavaliersreise“ von Mackenzie Lee erläutert sie nämlich für mich sehr plausibel, wieso ihr das Buch in deutscher Übersetzung nicht sonderlich zugesagt hat. Zumindest scheint der LBQT-Teil ordentlich umgesetzt worden zu sein.

Leider ist es ja oft genug so, dass sich Personen schon gar nicht mehr trauen, an einem vielgeliebten Buch Kritik zu äußern. Denn dann kommt zu gern das vermeintliche Argument „Du hast das Buch falsch gelesen!„, was Michi in ihrem Blog Bücherschmöcker aufgreift. Wir sind (fast) alle nur Laien und somit ist niemand qualifizierter als eine andere Person, sich eine Meinung zum Buch zu bilden. Je nachdem, welche (Lese-)Vorerfahrungen und Einstellungen ein Mensch mitbringt, wird eine Geschichte ganz anders wahrgenommen. Diese Wahrnehmung darf natürlich gern diskutiert werden, aber nicht indem pauschal die Beurteilungskompetenz abgesprochen wird!

Mit den englischsprachigen Artikel „How to supress Women’s Writing: „She only wrote one good book.“ hat Joanna Russ von Literary Hub bei mir starken Eindruck hinterlassen. Denn es hat mich richtiggehend erschreckt, dass ich bis dahin wirklich geglaubt hatte, dass diese Frauen nur ein Buch veröffentlicht hatten. Dabei hat Charlotte Brontë zum Beispiel noch „Vilette“ herausgebracht. Es ist wirklich immer wieder auf’s Neue unfassbar, wie Frauen systematisch klein gehalten wurden (und werden).

How to Suppress Women’s Writing: “She Only Wrote One Good Book.”

Sehr interessant zum Thema Klassiker fand ich auch den Artikel von Kaite Welsh in The Guardian mit dem Titel: „Screened out: why TV and film glam up plain women in books„. Natürlich ist es leider nichts Neues, dass Frauenfiguren in Buchverfilmungen aufgehübscht werden, trotzdem fand ich die Gegenüberstellung der Beschreibungen im Buch mit den Besetzungen der Rollen in den Verfilmungen sehr eindrucksvoll. Kein Wunder, wenn Mädchen wie Frauen an ihren Aussehen regelrecht verzweifeln, wenn im Buch schlicht aussehende Frauen ständig nur von hübschen Frauen gespielt werden.

Gloria von Nerd-Gedanken erklärt, warum die Frage nach mehr Frauen in der Phantastik die falsche Frage ist. Sie stört sich vor allem an den „altbekannten Erzählformen, bei denen die Heldin alleine durch das Vorhandensein eines männlichen Charakters definiert und herausgefordert wird“. Dies führt sie in vier Beispielen näher aus und trifft damit bei mir auf volle Zustimmung. Es braucht aus meiner Sicht nicht unbedingt mehr Frauen, wenn dafür endlich mal die Heldinnen nicht ständig durch ihre Beziehung zu Männern definiert werden. Andersherum klappt das doch schließlich auch!

Passend dazu hat Anja auf ihrem Blog Anja Frieda eine Beitragsreihe zu „Frauen in der Fantasy“ begonnen. Im ersten Beitrag „Frauen in der Fantasy 1: Ein Grund zu kämpfen“ wirft sie einen Blick darauf, aus welchen Motiven Männer und Frauen jeweils in den Kampf ziehen. Eine ziemlich ernüchternde Angelegenheit, so viel sei verraten. Ich würde mir wirklich mehr Frauen wünschen, die aus „männlichen“ Beweggründen ins Abenteuer ziehen.

In ihrem Beitrag „Warum Objektifizierung von Frauen gefährlich ist“ erläutert Katie von Frankly my dear, dass die Darstellung von Frauen als Objekte durchaus riskante Auswirkungen hat. Dementsprechend ist es grad im Interesse von Frauen, dass Werbung weniger mit sexualisierten Frauen arbeitet. Generell finde ich es ja übrigens immer wieder faszinierend, wie Stein und Bein geschworen wird, dass Werbung die einzelne Person überhaupt nicht beeinflussen würde. Das impliziert, dass die Firmen Milliarden für Werbung einfach wirkungslos in den Wind schießen. Wer das glaubt … Aber das ist ein anderes Thema.

Besonders ans Herz legen möchte ich Euch Kiras Beitrag auf Skepsiswerke. In „Jugendbücher – von großer Kraft & großer Verantwortung“ schreibt sie darüber, wie Jugendbücher uns beeinflussen und dass sie grad auf jugendliche Leser*innen nachhaltigen Eindruck hinterlassen können. Sie können die Saat dafür legen, dass aus Kindern mündige Bürger werden, die für ihre Rechte einstehen. Aber leider auch falsche Vorstellungen von Liebe den Weg bannen. Daher ist es so wichtig, grad für diesen Altersbereich verantwortungsbewusst zu schreiben.

Zum gemütlichen Ausklang möchte ich noch auf einen neuen Beitrag von Katie von Teesalon verweisen. Die heißt übrigens nun Katriona und bloggt ab sofort auf Stürmische Seiten! In ihrem Blogpost „Mehr Meer: Neues von Meeresgrund“ stellt sie fünf Neuerscheinungen vor, die alle mit Meer zu tun haben. Mir waren vorher schon viele der Bücher ins Auge gefallen und ich will das ein oder andere auf jeden Fall lesen. Wer ist denn noch im Rausch des Meeres?

20 Kommentare

  1. Bei Michi hatte ich es ja schon geschrieben, „Schade, dass Du das Buch nicht verstanden hast. Was ausschließlich an Deiner Interpretation liegt.“ wurde mir auch schon mal an den Kopf geworfen. Aber das ist ja glücklicherweise die Ausnahme.

    LG
    Daggi

    • Hallo Daggi,

      ich habe in einer Rezension auch mal geschrieben, dass ich das Ende nicht so richtig verstanden habe, aber dennoch eine gute Wertung vergeben. Woraufhin dann die Autorin mir das Ende in einem Kommentar erklärte. Fand ich auch nicht so gelungen.

      Liebe Grüße
      Elena

  2. Hallo!
    Ich lese keine explizit LBQT-Bücher. Allerdings liebe ich es wenn LBQT-Protos ganz selbstverständlich in Büchern vorkommen. Das sollte öfters vorkommen anstatt die Liebe als etwas besonderes herauszustreichen nur weil sie nicht zwischen Frau und Mann statt findet.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    • Hallo Sabrina,

      wenn LBQT-Protas ganz selbstverständlich wären, bräuchten wir kein gesondertes „Genre“ mehr für solche Bücher. Stimme dir also zu, dass so etwas eigentlich nicht als besonderes herausgestrichen werden sollte. Ich fürchte aber, bis es nichts „besonderes“ ist, ist es noch ein ganz langer Weg. Daher versuche ich solche Bücher zu fördern, damit sie in der breiten Masse ankommen. Genauso wie die Bücher von PoC-Autor*innen, die ja leider auch sehr unterrepräsentiert sind.

      Liebe Grüße
      Elena

  3. Ich war in den letzten Woche ehrlich gesagt ein bisschen amüsiert darüber, dass relativ viele Autorinnen in meiner amerikanischen Timeline immer wieder betonen, dass Rezensionen für andere Leser und nicht für Autoren sind. Aber anscheinend ist es ja notwendig zu betonen, dass man als Autor einfach die Meinung eines Lesers stehen lassen muss, statt ihn darüber zu belehren, was eigentlich gemeint war und wie der Leser die Geschichte hätte verstehen sollen …

    • Ja, das ist echt schade. Als wäre eine Geschichte eine Mathe-Aufgabe, bei der es nur eine richtige Lösung gibt. Entscheidend ist, was die Leser*innen rausziehen und nicht, was beim Verfassen des Textes gedacht wurde. Zudem glaube ich, dass Autor*innen aufgrund der fehlenden Distanz zum eigenen Werk gar nicht unbedingt die besten Interpret*innen ihrer Arbeit sind.

  4. Hallo Elena,
    die Diskussion hatten Anja von Anja liest , Gabi von Laberladen und ich auch auf Twitter, dass man zuhören bekommt, man würde ein Buch nicht verstehen, wenn es nicht gut findet. Wo es doch so ein Bestseller ist?
    Jeder hat einen anderen Geschmack und nur weil es damals ein Bestseller war und von einem berühmten Autor war, muss es noch lange nicht jeden gefallen. Dann zuhören zu bekommen, man hätte von Literatur keine Ahnung und man solle doch bei seinen Büchern bleiben, die ja alle nicht so intelligent wären, wie das genannte, finde ich schon starker Tobak.
    Du beschreibst es sehr gut, jeder hat andere Erfahrungen im Leben gemacht und jeder sieht auch etwas anderes in einem Buch. Daher sollten auch alle Meinungen gelten und niemand nieder gemacht werden.
    Liebe Grüße
    Kerstin
    #litnetzwerk

    • Hallo Kerstin,

      es ist immer wieder traurig, wenn so argumentiert wird.

      Wenn ein Buch ein Bestseller wird, zeigt das erst einmal nur, dass das Marketing funktioniert hat und die Verkaufszahlen hervorragend sind. Wie viele das Buch gelesen haben und wie vielen es gefallen hat, das sagt die Liste nicht.

      Aber Lesegeschmack scheint etwas sehr persönliches zu sein, zumindest reagieren die Leute meiner Meinung nach auf Widerspruch teilweise sehr empfindlich. Dabei ist es doch in den meisten Fällen einfach eine Meinungsäußerung.

      Liebe Grüße
      Elena

  5. Hey 🙂
    Ein wirklich sehr interessanter Post und dank dir habe ich jetzt ganz viele Posts, die ich mir unbedingt durchlesen muss!
    Besonders das Argument, dass man ein Buch angeblich falsch gelesen hat, finde ich ja der absolute Schwachsinn. Ich stimme dir da vollkommen zu, dass die Wahrnehmung einer Person durch eigene Erfahrungen und Einstellungen beeinflusst wird. Natürlich darf und soll man über die verschiedenen Meinungen und Sichtweisen diskutieren, aber man darf niemals jemanden das Beurteilungsvermögen absprechen. Nicht als Autor und auch nicht als Leser.
    Ich kann mich noch sehr gut an etwas erinnern, was mein einer Dozent in der Einführungsvorlesung der Amerikanistik gesagt hat. Ein Buch ist immer das, was der Leser draus macht. Da ist die Intention des Autors immer egal. Gerade bei Büchern, die Diversität groß schreiben, kann schnell mal das Gegenteil eintreffen, als der Autor vielleicht wollte. Manche Leute haben vielleicht dieselben Erfahrungen gemacht wie die Charaktere im Buch, andere wiederum haben komplett andere Erfahrungen gemacht. Beide Meinungen dürfen aber nebeneinander existieren, ohne das jemand vorgeworfen werden darf/soll, dass er/sie das Buch falsch gelesen hat.

    Liebe Grüße
    Isabell

    • Hallo Isabell,

      schön, dass dich so viele Links angesprochen haben 🙂

      Dein Amerikanistik-Dozent scheint ein kluger Mensch zu sein. Grad beim Thema Diversität wird es wohl noch viele Diskussionen geben, bis anerkannt wird, dass wir alle unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und machen.

      Liebe Grüße
      Elena

  6. Liebe Elena,

    du hast viele interessante Links zusammengetragen.
    Ich hab schon ein paar Tabs offen, wo ich gleich mal stöbern werde.

    Liebe Grüße
    Ramona
    #litnetzwerk

    • Liebe Ramona,

      dann wünsche ich dir viel Spaß beim stöbern 🙂

      Liebe Grüße
      Elena

  7. Hallo Elena!

    Eine wirklich tolle Ansammlung von Beiträgen – da hab ich ja noch mehr zu Lesen dieses Wochenende 😉

    Liebste Grüße,
    Wiebi
    #litnetzwerk

    • Hallo Wiebi,

      wenn die Zeit nicht reicht, geht ja auch in den nächsten Tagen. Auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen!

      Liebe Grüße
      Elena

  8. Liebe Elena,

    vielen Dank für diese Zusammenstellung. Ich freue mich immer sehr über solche Beiträge. Ich finde es toll, dass man sich so gegenseitig unterstützt. Außerdem ist es für mich immer sehr interessant, welche Themen andere beschäftigen und konstruktive Diskussionen können so viel Unterhaltung bringen!
    Auf Michis Beitrag war ich auch schon aufmerksam geworden, bei den anderen werde ich mich auf jeden Fall mal durchklicken. 🙂

    Liebe Grüße,
    Angie

    • Liebe Angie,

      ich lese solche Beiträge auch bei anderen Blogger*innen immer super gern, eben weil es zum einen gegenseitiges unterstützen ist und zum anderen ich so von Diskussionen erfahre, die vielleicht sonst an mir vorbeigegangen wären 🙂

      Liebe Grüße
      Elena

  9. Hi!
    Eine tolle Sammlung mit wirklich guten Beiträgen hast du da zusammengestellt, vor allem finde ich die Rezension zu „Cavaliersreise“ wirklich gut, mich konnte das Buch auch aus verschiedenen Gründen nicht ansprechen, obwohl es so gehypt wird.
    Aber auch der Beitrag zu Frauen in der Fantasy klingt wirklich gut, solche Themen zu besprechen finde ich so wichtig, weil ich glaube, dass hier ganz viel noch nicht oft genug angesprochen wurde.

    Also Danke an dich, für diese tolle Linksammlung!

    LG Sandra

    • Hallo Sandra,

      ja, die Rezension zu „Cavaliersreise“ stach grad deshalb so heraus, weil sonst überall nur positive Meinungen zu lesen war. Und ich denke auch, dass wir noch ganz viel Arbeit vor uns haben, was den Umgang mit Frauen bzw. Frauenfiguren angeht …

      Liebe Grüße
      Elena

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