Soziale Kompetenz

Symbolbild zu soziale KompetenzBild: athree23 / pixabay CC0 Creative Commons

Ich kenne viele Menschen, die sich sehr unsicher im Umgang mit anderen Menschen finden. Genauso kenne ich aber auch viele Menschen, die glauben, sehr gut mit Menschen umgehen zu können. Ich selbst hielt mich lange Zeit für sozial inkompetent sprich unfähig, „richtig“ mit Menschen umzugehen. Erst in der letzten Zeit gelang mir auch aufgrund vieler positiver Erfahrungen ein Umdenken und einige meiner Erkenntnisse möchte ich in diesem Beitrag mit Euch teilen. Denn auch wenn auf den ersten Blick recht klar scheint, wer sozial kompetent ist und wer nicht, ist die Sache auf den zweiten Blick meistens wesentlich komplizierter.

Was ist eigentlich soziale Kompetenz? Für mich ist es guter Umgang mit Menschen. Was diesen auszeichnet, werde ich vor allem anhand von Aspekten der Kommunikation beschreiben, auch wenn soziale Kompetenz viel mehr umfasst. Vorweg möchte ich noch schicken, dass der Beitrag unangenehme Gefühle beim Lesen auslösen kann und es mir auch nicht ganz leicht gefallen ist, ihn zu schreiben. Ich habe mich aber bewusst dafür entschieden, aus meiner persönlichen Perspektive zu schreiben.

Soziale Kompetenz bei (längeren) Veranstaltungen

Hilfe, lauter fremde Menschen!

Stellen wir uns zum Einstieg folgende Situation vor, die ich früher öfters hatte: Ich habe mich zu einem Lehrgang, ein Seminar oder auch nur eine Veranstaltung angemeldet, wo ich noch niemanden kenne. Ich komme wenige Minuten vor Beginn an und sehe all die Menschen in Gespräch vertieft. „Die kennen sich schon alle“, denke ich. Sich einfach irgendwo dazustellen wäre jetzt auch etwas aufdringlich. Zum Glück geht es ja gleich los, dann ist die unangenehme Situation vorbei, weshalb ich auch extra erst kurz vor Beginn erschienen bin. Sind die anderen Personen in dieser Situation jetzt alle sozial kompetenter als ich? Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht.

Eigentlich habe ich mit den früher zu Terminen gehen angefangen, weil ich es mit fortschreitenden Alter einfach stressig finde, alles haargenau durchzutakten. Aber das ist ein großer taktischer Vorteil: Ihr kommt an, wenn sich noch keine Menschenmasse gebildet hat, sondern erst wenige Personen anwesend sind, die meistens auf der Suche nach Anschluss sind. So lässt sich verhältnismäßig leicht ein Gespräch aufbauen a la: „Auch hier wegen dem Seminar x?“. Die nächsten Neuankömmlinge stellen sich dazu und so entstehen Gruppen, die für später Ankommende schnell abweisend wirken. Hat bisher jemand besondere soziale Kompetenz gezeigt? Nein.

Wenn jemand sozial kompetentes unter den bereits Anwesenden ist, wird diese Person das Gespräch unterbrechen und den neu Dazugestoßenen einladen, der Runde beizutreten, in dem er zum Beispiel fragt: „Und wo kommst du her?“, wenn sich die Gruppe vorher darüber unterhielt, von wo sie angereist ist. Ja, es ist nicht ganz so spannend, wenn alle noch einmal sagen, woher sie kommen. Aber ich persönlich habe mir angewöhnt, es durchaus als Vorteil zu sehen, da ich mir so besser einprägen kann, was die jeweilige Person angegeben hat. Soziale Kompetenz zeigt sich in dieser Einstiegssituation nämlich vor allem darin, dass anderen das Kennenlernen ermöglicht wird. Zeit für intime Gespräche ist später!

Worüber soll ich bloß mit den anderen reden

Jetzt habe ich also einen Gesprächspartner gefunden, aber worüber sollen wir uns unterhalten? Doch nicht schon wieder über das Wetter, das ist doch furchtbar langweilig. Oder auch nicht, denn mit einen solchen Gesprächseinstieg lässt sich viel über das Gegenüber herausfinden: Wie ist die Person angereist? Von woher? Und was für Wetter mag sie? Da lässt sich dann meist gut anknüpfen und schon wird es interessanter.

Letztlich ist das Thema beim Small Talk aber ziemlich egal, denn das Ziel ist es, sich aufeinander einzustellen und dann beiläufig erste Gemeinsamkeiten zu finden. Es bietet sich an, bei den Fragen selbst den ersten Aufschlag zu machen, da Ihr so steuern könnt, wohin das Gespräch geht. Die meisten Menschen empfinden ein Gespräch als gut, wenn sie einen größeren Redeanteil haben als ihr Gesprächspartner. Wer interessiert Fragen stellt und nicht den Löwenanteil einer Unterhaltung bestreitet, hat schon viel erreicht. Es ist übrigens tendenziell sozial inkompetent, wenn Euer Gegenüber von einer Anekdote zur nächsten wandert, kaum dass ein annähernd passendes Stichwort gefallen ist und Ihr gar nicht mehr zu Wort kommt. Dann findet die Person zwar das Gespräch gut, sieht Euch aber als Publikum und nicht als Mensch.

Um guten Small Talk zu führen, habe ich mir von sozial kompetenten Menschen einiges abgeschaut. Es klingt banal, aber stellt Fragen, die zum Erzählen einladen und sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten lassen. Zum Beispiel, warum diese Person sich für diese Veranstaltung interessiert oder ob sie wie Ihr auch etwas nervös ist. Zugegeben: Selbst kleine Selbstoffenbarungen waren für mich früher immer ganz schwierig. Aber die meisten Menschen sind wirklich nicht darauf auf, jede Äußerung gegen Euch zu verwenden, sondern finden es im Gegenteil sehr sympathisch. Wenn Small Talk gut läuft, dann ist es wie ein Tanz. Aber wie beim Tanzen gilt auch: Es gehören immer Zwei dazu!

Hoffentlich ist die Pause schnell vorbei

Puh, endlich eine Unterbrechung. Zeit, sich etwas die Beine zu vertreten und endlich mal zur Toilette zu gehen. Dann noch schnell einen Happen nehmen und den Kaffee nachschenken, bevor die Nachrichten auf dem Smartphone gecheckt werden. Vielleicht lässt sich auch noch etwas im Buch lesen, welches an einer spannenden Stelle unterbrochen werden musste … Kann man so machen. Muss man aber nicht. Wobei ich betonen möchte, dass ein benötigter Toilettengang sowie Essen und Trinken natürlich wichtig sind. Auch im Buch lesen kann sinnvoll sein. Aber Ihr solltet das alles nicht vorschieben, um anderen Menschen aus dem Weg zu gehen, wenn Ihr mit denen eigentlich gern in Kontakt treten möchtet.

Meistens ist es so, dass die Menschen, die ebenfalls auf Kontaktsuche sind, sich an der Kaffeetafel oder ähnliches drängen. Falls Ihr dort nicht angesprochen werdet, ist praktisch immer ein guter Einstieg (sofern vorhanden!) die Auswahl zu kommentieren und den Auswahlprozess zu verbalisieren. Ja, das ist nicht sehr originell, aber es funktioniert. Schnell entsteht ein Gespräch darüber, ob der Apfelkuchen besser als der Pflaumenkuchen schmeckt. Ihr könnt auch einfach sitzen bleiben und eure Sitznachbarn fragen, ob sie zum Beispiel die Inhalte gut erklärt fanden. Womit wir wieder bei den Punkt Small Talk oben sind.

Was sozial kompetente Menschen in solchen Situationen meiner Ansicht nach auszeichnet, sind folgende Dinge: Wenn Ihr verloren rumsteht, sprechen sie Euch an und fragen ehrlich interessiert nach Eurer Meinung. Andersherum werden solche Menschen Eure Fragen so beantworten, dass potenziell auch Erwiderungen von Euch möglich sind. Hingegen sind weder sehr kurz angebundene Antworten noch ausschweifende Monologe ein Zeichen übermäßiger sozialer Kompetenz. Ein sozial kompetenter Mensch, der grad keine Lust und Zeit hat, wird Euch das auch so sagen ohne Euch das Gefühl zu geben, dass Ihr seine Mühe nicht wert seid. Und endlos ausufernde Geschichten gehören sowieso nicht in zeitlich limitierte Situationen.

Endlich kann ich gehen

Die Veranstaltung ist vorbei, also nichts wie ab nach Hause! Nach dem Ende der Veranstaltung verstreut sich die Menge rasant, denn es gilt Anschlüsse zu erwischen und oft bleibt nicht mehr allzu viel zu sagen. Daher sehe ich das Nachfolgende auch definitiv als Kür und nicht als Pflicht.

Falls Ihr während der Veranstaltung paar nette Menschen getroffen habt, ist nämlich spätestens jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, Kontaktdaten zu tauschen. Und ja, ich komme mir bis heute seltsam vor, wenn ich Visitenkarten raushole oder frage, ob ich jemanden später mal eine E-Mail schicken kann. Aber was ich in unzähligen Situationen auch erlebt habe: Der größte Teil der Menschen freut sich, dass Ihr mit ihnen in Kontakt bleiben wollt!

Ob ich es als besonders sozial kompetent werten soll, weiß ich nicht, aber ich freue mich auch immer wieder über die Menschen, die am Schluss von allem die Kontaktdaten sammeln. Definitiv sozial kompetent ist natürlich, beim Aufräumen zu helfen und sich beim Dozenten zu bedanken (wenn die Veranstaltung gelungen war).

Geschafft!

Zum Schluss möchte ich ausdrücklich betonen, dass es vollkommen okay, nicht immer und überall sich sehr sozial kompetent zu verhalten. Das Ziel des Beitrags war zu zeigen, dass sich die meisten Menschen durchschnittlich sozial kompetent verhalten und das meiste Kopfsache ist. Die anderen unterhalten sich selten über originelle Themen und dass sie sich unterhalten, ist auch mehr Zufall als bewusst herbeigeführter Zustand.

Wie hat Euch der Beitrag gefallen? Möchtet Ihr gern mehr zu verschiedenen Situationen lesen?

5 Kommentare

  1. Die von dir aufgeschriebenen „Hilfen“ zum Kontaktanbahnen kann ich so unterschreiben! Mir hat es immer geholfen, dass ich grundsätzlich als eine der ersten bei einer Veranstaltung vor Ort bin. Da ich selten diejenige war, die von sich aus jemanden ansprach, habe ich mir ein „nettes und unverbindliches“ Lächeln angewöhnt, das in der Regel dafür sorgte, dass ich relativ schnell angesprochen wurde.

    Wenn man dann häufiger bei Veranstaltungen zum selben Thema ist, kennt man irgendwann zumindest eine Handvoll Personen, mit denen man schon ein paar Worte gewechselt hat, und das macht es dann wieder einfacher sich überhaupt auf so ein vermeintliches Wagnis einzulassen.

    • Stimmt, mit der entsprechenden Mimik wird anderen das Ansprechen unendlich erleichtert. Ein Lächeln ist eben sehr einladend 🙂

      Und ja, ich finde es auch sehr angenehm, dass man mit der Zeit meistens immer ein paar Leute kennt. Da trägt dann die „Arbeit“ Früchte. Aber auch wenn ein Wiedersehen nicht abzusehen ist, ist es doch erstaunlich, wie oft man sich doch noch einmal über den Weg läuft …

  2. Hallo Elena,
    ich fand den Beitrag sehr anregend, um das selber mal bei einer der nächsten Veranstaltungen auszuprobieren, obwohl ich häufig schon Schweißausbrüche und Panik bekomme, wenn ich mich auch nur in der Nähe einer solchen aufhalte.
    Leider scheine ich sozial so absolut Inkompetent zu sein, denn obwohl ich theoretisch weiß, über was für Themen gesprochen werden könnte (meistens mache ich mir vorher eine Liste) bin ich nicht in der Lage überhaupt eine kleine Frage über die Lippen zu bekommen und statt bei Fragen anderer über mich zu erzählen nicke ich nur und schaue schnellstmöglich auf mein Handy, ohne dabei wirklich etwas zu machen. Eigentlich ist mir durchaus bewusst, dass das ein falsches Verhalten ist und um etwas über jemanden zu erfahren müsste ich etwas über mich erzählen, doch das liegt leider außerhalb meiner Belastungsgrenze, wie ich mehrfach feststellen musste…
    Naja, das jedenfalls meine persönliche Sicht zu äh mir.
    P.S.: Wow war das hier im Vergleich zum Reden einfach…

    • Hallo Philo,
      danke für deine offene Rückmeldung 🙂 Für mich wirkst du nach deiner Schilderung jedoch nicht sozial inkompetent, sondern vor allem gehemmt. Du scheinst ja zu wissen, was du tun „solltest“, aber dir stehen Ängste im Weg. Wobei ich dazu sagen möchte, dass ich mich in geringerer Ausprägung – vor allem früher, aber auch heute noch – in solche Verhaltensweise flüchte, um mich zu entlasten.
      Jedenfalls wäre es aus meiner Sicht eine Überlegung wert, wenn dich das belastet, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich da schnell Verbesserungen erreichen ließen.
      Es ist aber auch aus meiner Sicht schon hilfreich, sich zu „überwinden“ und dann aufbauend auf Erfolgserlebnissen „mutiger“ zu werden.
      Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg beim Umsetzen!
      Viele Grüße
      Elena

  3. Ein toller Beitrag. Ich bin zwar auch immer nervös, wenn ich zu Seminaren muss, wo ich einen kenne und habe dann auch immer diese irrationale Angst, keinen Anschluss zu finden, aber die stellt sich zum Glück jedes Mal als unbegründet heraus. Ich bin aber auch jemand der keine Probleme hat andere anzusprechen, kann aber auch verstehen, wenn das nicht allen so leicht fällt. Da muss man sich definitiv erstmal überwinden und vor allem den Gedanken verbannen, dass man die andere Person damit vielleicht nerven könnte. Denn wie du schon schreibst: In solchen Situationen suchen alle Anschluss und freuen sich wenn man sie anspricht. Die Erfahrung habe ich zumindest gemacht.

    Bei uns im Master Semester hat das auch super geklappt. Wir haben uns gleich nach dem Seminar noch mal zum Kaffee getroffen, was natürlich für alle die etwas stiller sind, eine tolle Möglichkeit war um Anschluss zu finden und am nächsten Tag als ein Seminar ausgefallen ist ging es dann gemeinsam Frühstücken. Klar war das alles freiwillig, aber es bringt viel, wenn man hier einfach mal mitgeht.

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