Das bisschen Folter

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Das Nornennetz veranstaltet im August die Blogparade „Fantasy und Gewalt“. In meinem Beitrag denke ich über die Frage nach: Wie wirkt sich in (vielen) Fantasy-Geschichten die erfahrene Gewalt auf die Protagonisten aus? Nicht so, wie ich es mir wünschen würde. Daher ist dieser Post gleichzeitig ein Appell an Autor*innen, gewaltsame Erfahrungen der Figuren nicht in einem Kapitel abzuhaken!

Zunächst sind zwei zeitliche Ebenen zu unterscheiden: Gewalt vor der (eigentlichen) Handlung und Gewalt während der Handlung. Wenn es um das vorher geht, zerbrechen meistens nur Nebenfiguren an Gewalt. Protagonist*innen wachsen daran und entwickeln Hass und Rachedurst. Sehr praktisch, ist doch so direkt das treibende Handlungsmotiv angelegt. Das Höchste der Gefühle ist es meistens, den Hauptfiguren tief sitzende Ängste und Albträume zu verpassen. Missbrauch von Substanzen lässt sie weiterfunktionieren, da sie dies kontrolliert tun, oder wird mit einem kalten Entzug und einer neuen Aufgabe aus der Welt geschafft. So ergibt sich meistens eine dramatische Backstory, die aber vor allem als Antrieb dient und die Protagonist*innen nicht weiter behindern. Während die unglückselige Nebenfigur nie wieder auf die Füße kommt …

Noch unglücklicher finde ich die Gewalt während der Handlung. Da wird eine Figur beispielsweise auf das Äußerste gefoltert. Erst einmal wird natürlich nie etwas verraten oder preis gegeben, wenn es sich um die Hauptfigur handelt. So etwas tun nur schwache Nebenfiguren. Nun möchte ich Willenskraft nicht unterschätzen, aber wie wahrscheinlich ist es, stunden- oder gar tagelang unerträgliche Schmerzen auszuhalten, ohne einzuknicken oder wahnsinnig zu werden? Deswegen ist es für mich unerklärlich, wie nach einer Befreiungsaktion die Hauptfigur innerhalb weniger Tage gesund gepflegt sein soll. Ganz zu schweigen von den seelischen Wunden. Für diese gibt es höchstens ein tiefsinniges Gespräch mit jemand anderes mit ähnlichen Erfahrungen und natürlich wird es laaaaaange dauern, dies Erfahrung zu überwinden. Aber das hält die Hauptfigur nicht davon ab, sich drei Tage nach der Befreiung in eine epische Schlacht zu stürzen. Oder den oder der Antagonist*in die Rübe vom Kopf zu hauen. Bleibende körperliche Schäden hat die Hauptfigur nämlich nicht erlitten und das mit der Psyche verschieben wir einfach auf später, irgendwann nach der Handlung.

Schlecht wird mir davon, wenn Autor*innen im Anschluss an die Rettung erst einmal eine Liebesszene einplanen. Selbstverständlich pusht so etwas wie Folter und Gefangenenbefreiung die Emotionen hoch und kann dazu führen, dass sich die Charaktere näher fühlen. Aber obwohl ich keine handfesten Zahlen zum Thema habe, glaube ich nicht, dass solche Menschen in Sicherheit als praktisch Erstes an Sex denken, vor allem an das erste Mal. Grad bei gefolterten Jungfrauen finde ich das eine verquere Vorstellung von Romantik, wenn sich fast nahtlos der erste wirklich intime Kontakt anschließt.

Das soll nicht heißen, dass ich Gewalt aus Fantasyromanen verbannen möchte. Sondern es geht mir um eine angemessene Darstellung der Konsequenzen. Wer gefesselt zwei Wochen an einer Wand hing, kann nicht nächste Woche wieder Drachen erschlagen gehen. Wenn Folterwerkzeuge zum Einsatz gebracht wurden, bleibt wahrscheinlich eine Verstümmelung zurück. Vor allem seelische Verletzungen werden zu gern nur herausgeholt, wenn es grad passt. Da lässt sich höchstens argumentieren, dass sich die Person noch in der Schockphase ist und deswegen kaum etwas merkt, alles andere ist einfach unrealistisch. Solche Erlebnisse verändern Menschen, und zwar nicht nur, dass sie besonders großen Ehrgeiz haben, den oder die Feind*in tot zu sehen. Oder endlich erkennen, was sie an einer bestimmten Person haben.

Somit ist bei der derzeit gewählten Darstellungsweise die Funktion von Gewalttaten gegen Protagonist*innen gerade nicht, einen dauerhaften Rückschlag und eine Veränderung des Charakters zu zeigen. Natürlich ist es gut zu zeigen, dass niemand bis ans Ende seiner Tage „broken“ sein muss. Allerdings finde ich es bedenklich, dass die Repräsentation ziemlich einseitig erfolgt. Stattdessen geht es viel zu oft nur um den Thrill in Form einer spektakulären Befreiungsaktion, während Leser*innen mit der gefangenen Figur mitleiden sollen. Doch kaum ist die Rettung abgeschlossen, ist die ganze Angelegenheit abgehakt. Ein Handlungselement, um das sich hinterher nicht mehr groß gekümmert werden muss.

Zum Abschluss daher mein Appell: Gewalt in der Fantasy ja, aber bitte mit allen Konsequenzen!

8 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Artikel! Teilweise gibt es sowas auch in Romantic Suspense Bereich – da wird die Frau gerade noch von einem Serienmörder gequält, bam! Auftritt des Helden, der den Bösewicht killt und schon haben die beiden Sex. Inzwischen blättere ich bei solchem Quatsch einfach weiter. 😉

    • Gerne doch! Und ja, das kommt auch in anderen Genres vor. Selbst bei Historical Romance, wobei dann meist die Ehre der Protagonistin durch den einen Bösewicht bedroht wird und dann kommt unser strahlender Held, rettet sie aus der Situation und dann … *headdesk*

  2. Pingback: Fantasy und Gewalt – eine Blogparade des Nornennetzes – Nornennetz

  3. Pingback: Babsi taucht ab (August 2018) • BlueSiren

  4. Gewalt ohne tatsächliche Konsequenzen ist etwas, was mich in Fantasyromanen ebenfalls stört. Mir hat daher die Handlung rund um Theon Greyjoy im 5. Band von „A Song of Ice and Fire“ sehr gut gefallen. Hier hat man tatsächlich eine Figur, die von Folter (die man – anders als in der Serie – nicht miterlebt) auch psychisch zerstört wurde und im gesamten Handlungsstrang geht es um das Heilen und wieder zu sich finden. Ich fand das sehr gut umgesetzt.

    Auch Katniss ist im 3. Band der Hunger Games-Trilogie ein gelungenes Beispiel für eine tatsächlich traumatisierte Heldin, die das Erlebte nicht mal eben wegstecken kann.

    Aber leider sind das eher die seltenen Ausnahmen.

    • Ich fand Theon schon in der TV-Serie recht gut umgesetzt, aber in Buchform lässt sich das bestimmt noch viel besser darstellen. An Katniss habe ich beim Schreiben des Beitrags auch gedacht. Aber ja, die Negativ-Beispiele überwiegen leider.

  5. Ich finde es wichtig, dass solche Themen zur Sprache kommen, und freue mich über deinen Beitrag, der sich dessen einmal annimmt. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die Thesen im Text mit konkreten „So nicht“- oder „So macht man das“-Beispielen unterfüttert werden.

    In meiner Schreibrollenspielzeit gabs einige Situationen, in denen man selbst oder der Mitspieler die Charaktere einmal durch die Hölle und zurück geschickt hat. Ein bisschen leiden fürs Character Development musste immer sein xD
    Aber nun ohne Flachs, es ist sowohl als Schreiber als auch als Leser interessant, Charaktere in Extremsituationen zu erforschen. Daher finde ich an Abgründen, die literarisch geschildert werden auch nichts verwerfliches. Wie aber ja die Kernaussage deines Beitrags ist: Das ganze muss ausgewogen und stimmig sein.

    • Ich hatte ursprünglich überlegt, Beispiele einzufügen. Allerdings ist in meinem Kopf zu dem Thema derzeit „Children of Blood and Bone“ sehr präsent und das Buch ist imo einfach zu neu, um es als Beispiel hier zu verwenden.

      Bin auch absolut dafür, dass Charaktere Höllenqualen erleiden (wie das klingt XD). Das ist ja grad der Reiz an Büchern, dass die Figuren an ihre Grenzen kommen und wie sie daran wachsen. Deswegen ist es doppelt schade, wenn eine Extremsituation zwei Kapitel später schon wieder fast vergessen ist.

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